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Wenn der Stundenplan wechselt, muss auch ihr Blindenführhund umlernen

Josephine Hayley-Barker studiert sehbehindert an der ZHAW – mit Screenreader, Blindenführhund und viel Eigeninitiative. Oft fehlen ihr barrierefreie Lernunterlagen oder der Unterricht ist nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet. Im Interview erzählt sie, welche Hürden sie täglich meistert und was sich ändern müsste, damit digitale Barrierefreiheit für alle Studierenden Realität wird.

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Interview mit Josephine Hayley-Barker 

Was würde viele Menschen überraschen, wenn sie wüssten, wie du studierst? 

Josephine Hayley-Barker: Dass mein Computer zu mir spricht. Ich verwende einen Screenreader und habe oft «Stöpsel» in den Ohren – ich bin also darauf angewiesen, dass alle Unterlagen als Word-Format aufbereitet sind. Daher bitte ich die Dozierenden jeweils, mir sämtliche Lernmaterialien vor Semesterbeginn zu schicken. Das klappt mal besser, mal weniger gut. Die Schweizerische Fachstelle für Sehbehinderte im Beruflichen Umfeld (SIBU) passt die Dokumente dann so an, dass sie nonvisuell zugänglich sind. Dafür braucht sie Zeit. Meist stehen mir in der ersten Woche noch nicht alle Unterlagen zur Verfügung. 

Was bedeutet das für dich? 

Viel Aufwand. Ich muss mir alles zusammensuchen, verliere dadurch wertvolle Zeit und kann dem Unterricht nicht ideal folgen. Darüber nerve ich mich jedes Mal. Das ist für mich eigentlich die grösste Herausforderung am Studieren: mir alle Unterlagen zu beschaffen. 

Welche Schwierigkeiten erlebst du während des Unterrichts? 

Manchmal heisst es plötzlich: «Lesen Sie sich das kurz durch.» Oder es werden Bilder gezeigt, mit denen ich ohne Beschreibung nichts anfangen kann. Offenbar geht zuweilen vergessen, dass ich sehbehindert bin – obwohl ich einen grossen schwarzen Hund dabeihabe. In solchen Situationen melde ich mich und sage, was ich brauche. Meine Klasse ist zum Glück sensibilisiert und unterstützt mich, wenn nötig.

Portrait von Josephine Hayley-Barker, Studentin Angewandtes Recht an der ZHAW
Josephine Hayley-Barker studiert Angewandtes Recht an der ZHAW und ist sehbehindert (Bild: Monika Liechti, liechtli.ch)

Worauf bist du während der Vorlesungen besonders angewiesen? 

Es hilft mir, wenn die Dozierenden viel beschreiben und etwa die Folie nennen, auf der sie gerade sind. Wenn wir in Gruppen eingeteilt werden, muss man mir klar sagen, wo ich mitarbeiten soll. Angaben wie «Seite xy» nützen mir nichts.  

Du kannst gut für dich einstehen.

Ich lebe seit meiner Geburt damit, dass ich immer weniger sehe. 2016 hat sich meine Sehbeeinträchtigung massiv verschlechtert. Über die Jahre habe ich gelernt, zu reagieren, wenn Barrierefreiheit nicht gegeben ist. Dabei war auch eine sehbehindertentechnische Grundschulung an der SIBU hilfreich. Sie hat mich auf schwierige Situationen in der Ausbildung vorbereitet. Zudem bin ich es mittlerweile gewohnt, in meinem Lernumfeld die Erste mit solchen Herausforderungen zu sein.

Erinnerst du dich an eine Situation im Studium, in der dich fehlende digitale Barrierefreiheit besonders ausgebremst hat? 

Am meisten bremst es mich schon aus, wenn ich Unterlagen nicht frühzeitig erhalte. Da kann ich mich noch so gut vorbereiten wollen. Das Studium ist für mich mit einem grossen Mehraufwand verbunden. Allein die Anreise kann für mich herausfordernd sein. Heute hat mich eine Baustelle aufgehalten. Quiro, mein Blindenführhund, bringt mich zuverlässig zu den Unterrichtsräumen. Wenn der Stundenplan wechselt, muss ich ihn aber auf neue Wege trainieren. Das geht nicht ohne Hilfe einer sehenden Person.  

Wann bist du im Studium sonst noch auf sehende Menschen angewiesen? 

Ich musste einmal ein Gutachten über Moodle abgeben. Weil dies über Drag-and-Drop funktioniert, kam ich nicht weiter. Ich arbeite mit Tastenkombinationen, nicht mit der Maus. Daher musste ich eine Kollegin einspannen. Dabei wäre es sehr einfach, diesen Prozess so zu gestalten, dass man eine Datei hochladen könnte.

Was können Dozierende tun, damit Materialien barrierefrei sind? 

Wichtig ist es, diese klar zu strukturieren und grosse Leerräume zu vermeiden. Korrekte Überschriften helfen mir dabei, mich mit Hilfe des Screenreaders zu orientieren. Tabellen sollten nicht verschachtelt gelayoutet sein. Grafiken, Statistiken und Bilder sollten mit einem zusätzlichen Text beschrieben werden. Vielleicht kann dies dereinst eine KI übernehmen. Dann werden sich aber Fragen des Datenschutzes stellen. Ich arbeite im Studium auch mit Gesetzen. Die Lehrmittelabteilung der SIBU hat die Erlaubnis, diese in ein barrierefreies Format zu übertragen.

Portrait von Julia Vielle, Diversity-Beauftragte Hindernisfreie Hochschule

Julia Vielle

Diversity Beauftragte Person Hindernisfreie Hochschule, ZHAW

«Mit der Bereitstellung von barrierefreien Word- und PowerPoint-Vorlagen sowie Anleitungen zur digitalen Barrierefreiheit hat die ZHAW wichtige Grundlagen geschaffen. Ziel ist, dass deren Nutzung für Mitarbeitende zur Selbstverständlichkeit wird und Dokumente sowie Präsentationen standardmässig barrierefrei erstellt werden. Davon profitieren zahlreiche Nutzer:innengruppen.»

Was würde sich für dich konkret verändern, wenn Lernunterlagen barrierefrei aufbereitet wären? 

Ich wäre unabhängiger und weniger gestresst. Ich müsste nicht mehr warten, bis die SIBU die Dokumente barrierefrei aufbereitet hat. Das würde mir enorm Zeit sparen. Auch Kosten liessen sich reduzieren. Die Invalidenversicherung, welche das Aufbereiten finanziert, würde entlastet. Barrierefreie Unterrichtsmaterialien sind entscheidend, um die Integration von Menschen mit Einschränkungen zu gewährleisten. Auch sie haben ein Grundrecht auf Ausbildung.  

Wenn du auf die letzten fünf Jahre zurückblickst, wo stellst du Fortschritte in der digitalen Barrierefreiheit fest?

Das hängt vom Provider ab. Ich verwende Programme und Plattformen, von denen ich weiss, dass sie funktionieren. Neue Versionen sind nicht zwingend zugänglicher. Das zeigt sich aktuell bei Outlook. Bei Open-Source-Lösungen sind Texte häufig auf Englisch hinterlegt. Nicht immer ist eine automatische Spracherkennung vorhanden, sodass mir der Screenreader etwas Unverständliches vorliest. Jede Website, die ich nicht kenne, muss ich erst aufwändig erkunden.

Hat sich das Bewusstsein für das Thema geändert?

Schwierig zu sagen. Grundsätzlich ist mehr Aufmerksamkeit vorhanden. Gleichzeitig stelle ich Rückschritte fest. Viele denken, Technik helfe bei der Integration. Es stimmt: Sie kann Türen öffnen. Sie kann aber ebenso ausschliessen: Zurzeit werden überall Touchscreens installiert. Sehbehinderte Personen können diese nicht bedienen. Sie benötigen Tasten, akustische Signale oder Informationen, die sie abhören können. Ich kann viele Lifte, Automaten oder Zahlungsgeräte nicht nutzen. Dabei schreibt die Verfassung vor, dass Menschen mit einer Beeinträchtigung nicht diskriminiert werden dürfen. Das wird im Alltag leider zu wenig umgesetzt. Kontrollen und Sanktionen fehlen.

Viele Dozierende merken gar nicht, wenn ihre Unterlagen nicht zugänglich sind. Was würdest du ihnen gerne mitgeben? 

Ich erlebe an der ZHAW eine grosse Offenheit. Ich fühle mich respektiert und unterstützt. Das ist das Wichtigste. Einige gestalterische und technische Dinge habe ich bereits ausgeführt. Man muss sich allerdings bewusst sein: Sehbehinderte Menschen haben individuelle Bedürfnisse, wenn es um digitale Barrierefreiheit geht. Sie sollten – ihrer Beeinträchtigung und ihrer Arbeitsweise entsprechend – auch individuell unterstützt werden.

Bildung Hochschulbetrieb Angewandte Linguistik Rektorat School of Management and Law Winterthur

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