Flugemissionen
Gegenüber der vor Covid-Periode 2017–2019
Forschung lebt vom Austausch über Grenzen hinweg: von Konferenzen, gemeinsamen Projekten und dem Besuch bei Partnern. Viele dieser Aktivitäten erfordern internationale Reisen. Und genau dort entsteht eine grosse Nachhaltigkeits-Challenge: Flugreisen verursachen rund ein Drittel der Treibhausgasemissionen der ZHAW. Internationale Vernetzung und Klimaschutz ziehen damit in entgegengesetzte Richtungen. «Fliegen für die Forschung ist sowieso schon so ein Dilemma. Und gerade wenn man eigentlich für die Nachhaltigkeit arbeitet und dann ins Flugzeug steigen muss – das ist ein Paradox», sagt Cathérine Hartmann, Umweltpsychologin beim ZHAW-Departement für Angewandte Psychologie.
Der grösste Hebel
Im Einklang mit dem Kanton Zürich will die ZHAW ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 halbieren und bis 2040, spätestens aber 2050, «Netto-Null» erreichen. Doch nicht alle Treibhausgasemissionen der Hochschule können so einfach reduziert werden. Die Gebäude liegen in der Verantwortung des Kantons Zürich. Und auch bei der Beschaffung der Ressourcen, wie zum Beispiel die Caterer der Mensen, ICT-Lieferanten oder Laboreinrichtungs-Zulieferer, besteht eine Abhängigkeit zu externen Anbietern. Beim Fliegen aber entscheidet die Hochschule weitgehend selbst. Für Flugemissionen hat sich die ZHAW darum ein klares Zwischenziel gesetzt: minus 50 Prozent bis 2030 im Vergleich zum Niveau vor der Pandemie.
Smarte Alternativen statt Verzicht
Die ZHAW setzt deshalb dort an, wo Reisen ohne Flug auskommen oder mit geringeren Emissionen durchgeführt werden können: Wo immer möglich gehen Zug oder Bus vor, an Konferenzen kann unter Umständen hybrid teilgenommen werden, die Anzahl der Reisenden pro Anlass soll gesenkt werden und Auslandstermine können womöglich gebündelt werden. Und wenn geflogen werden muss, dann mit möglichst geringem Fussabdruck: also Direktflug, Economy und längere Aufenthalte statt mehrerer Reisen. Diese Ansätze werden über die Kampagne «Challenge Accepted» an die Mitarbeitenden vermittelt: Sie zeigt einerseits konkrete Handlungsoptionen und sammelt andererseits ehrliche Meinungen und Erfahrungen zu dieser Challenge. Als ganz konkrete Handlungsunterstützung bietet die Kampagne zudem klimafreundlichen Reisen finanzielle Unterstützung durch einen Mobilitätsfonds.
Challenge Accepted
Warten auf die Technik reicht nicht
Doch was, wenn diese Massnahmen bald alle nicht mehr nötig sind, und klimafreundliche Flugzeuge uns neue Reisemöglichkeiten bieten? Michel Guillaume, Leiter des Zentrums für Aviatik in Winterthur und früher an der Entwicklung des Airbus A380 beteiligt, dämpft diese Erwartung. Nachhaltige Treibstoffe, sogenannte Sustainable Aviation Fuels (SAF) aus pflanzlichen Ölen oder Speiseresten, sollen nach EU-Plan bis 2030 gerade mal sechs Prozent des Tankvolumens ausmachen – und kosten heute das Drei- bis Fünffache. «Das heisst nicht 50 Prozent Reduktion. Das ist einfach nicht machbar», sagt er.
Elektrisch-hybrid angetriebene Flugzeige sind die zweite Hoffnung, um die Klimawirkung von Flugreisen stark zu senken. Diese brauchen aber Batterien, die es noch nicht gibt, und das Einholen der nötigen Sicherheitsnachweise dauert bei der Einführung neuer Technologien nicht selten Jahrzehnte. Guillaumes nüchterne Einschätzung desillusioniert: realistisch seien mit neuen Flugtechnologien 15 bis 20 Prozent weniger Treibhausgase bis 2035 möglich. Wer 2030 die Emissionen halbieren will, kann auf diese Durchbrüche aber nicht warten. Die Reduktion muss aus dem Reiseverhalten kommen.
Klimafreundliche Flugtechnologien?
Die Departemente entscheiden selbst
Statt bestimmte Flugreisen zu verbieten oder einzuschränken, arbeitet die ZHAW mit einem jährlichen Emissionsbudget, das auf die Departemente und zentrale Einheiten verteilt wird. Wie sie es einsetzen, bestimmen sie selbst: Sie wägen ab, welche Reisen für Forschung, Lehre und Kooperation nötig sind, ziehen Zug oder Bus vor, wo es geht, bündeln Auslandsaktivitäten oder schicken jemanden vor Ort statt mehrerer Reisender. Über Fortschritte tauschen sie sich laufend aus, der Stand wird regelmässig intern diskutiert und veröffentlicht.
Francesco Bortoluzzi
Leitung Nachhaltigkeitsprogramme, ZHAW sustainable, ZHAW Rektorat
«Wir wollen im Bereich Nachhaltigkeit nicht mit Verboten und Geboten arbeiten. Die Rahmenbedingungen bei den Flugemissionen sind entscheidend: Jedes Departement bekommt ein Budget und entscheidet selbst, welche Reisen nötig sind. Das verlangt mehr Abwägung, Reflexion und Selbstverantwortung als starre Regeln. Der Rahmen ist klar, der Weg bleibt offen.»
Was die Mitarbeitenden bremst
Im Alltag ist diese Abwägung aber selten bequem. In Europa setzen viele konsequent auf die Bahn – eine Person reiste mit Zug und Schiff von Zürich bis nach Athen. Doch manche Ziele sprengen jeden Rahmen. «Nach Vilnius sind es mit dem Zug 36 Stunden, mit dem Flug 2,5 – und der Flug ist erst noch günstiger», rechnet Michael Zirkler, Professor und Leiter Fachgruppe «Psychology of Social Transformation» am Departement für Angewandte Psychologie vor. «Selbst wenn ich die 36 Stunden in Kauf nehme bleibt die Frage: Ist das meine Freizeit?»
Ein zweiter Punkt wird in den Gesprächen mit den Mitarbeitenden immer wieder genannt: der Aufwand und Unterstützungsbedarf. «Ich bin schon sehr allein, mir jetzt mal ein Interrail-Ticket zu buchen…und muss auch noch herausfinden, wo ich zweimal übernachte werde…», sagt Regina Betz, Leiterin «Center for Energy and the Environment», an der School of Management and Law. Geschicktes Planen kostet richtig Zeit, so der Tenor. Gewünscht wäre vor allem Unterstützung beim Organisieren der Reise. Damit die emissionsärmere Wahl nicht an Mehrkosten scheitert, testete die ZHAW zudem einen Fonds für nachhaltige Mobilität, der teurere Bahntickets oder eine zusätzliche Übernachtung ausgleicht.
Obwohl mehrere ZHAW-Angehörige vom Fonds Gebrauch machten, wurde der Pilot-Fonds, der inzwischen eingestellt wurde, nicht vollständig ausgeschöpft: Eines der grössten Hindernisse ist nach wie vor die kürzere Reisedauer mit Flugzeugen. Leider lässt sich diese auch nicht durch höhere Reisekosten kompensieren: Die Kosten für Bus- und Bahntickets und womöglich zusätzliche Übernachtungen sind oft höher als die Flugtickets.
Wege, die gemeinsam schon wirken
Manche haben für sich längst Lösungen gefunden. «In Europa nutze ich ausschliesslich den Zug», sagt Patricia Heuberger, Leiterin Internationale Beziehungen an der School of Engineering. Andere setzen weniger beim Verkehrsmittel an als beim Massstab. «Wenn ich den Willen habe, es ohne viel Fliegen zu machen, kann ich auch international tätig sein, ohne selbst durch die Welt reisen zu müssen», schliesst Regina Betz.
Was sich viele zudem noch wünschen, ist eine klare Haltung. David Appel, Digital Education Fachperson beim Departement Soziale Arbeit, bringt es auf den Punkt: «Hinstehen und den Mut haben zu sagen, ja, wir haben ambitionierte Klimaziele.» Cathérine Hartmann formuliert den Wunsch noch bestimmter: «Ich wünsche mir von der ZHAW, dass sie sagt: «Train first». Bei der Reduzierung der Flugemissionen geht es ja nicht um das Nicht-Reisen, sondern um das Anders-Reisen.»
Viele ZHAW-Angehörige haben diese Challenge schon konsequent angenommen. Über Dialog und gemeinsames Engagement zeigen sich erste Wirkungen: Die ZHAW nähert sich ihrem Flugemissionsziel schneller als geplant: 2025 sind die Emissionen bereits auf das für 2029 geplante Niveau gesunken, ohne dass die internationale Vernetzung darunter gelitten hat.
Cathérine Hartmann
Umweltpsychologin, Departement für Angewandte Psychologie
«Fliegen für die Forschung ist sowieso schon so ein Dilemma. Und gerade wenn man eigentlich für die Nachhaltigkeit arbeitet und dann ins Flugzeug steigen muss – ist das ein Paradox.»
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