Zum Inhalt

Autorin: Ümit Yoker

Unsichtbare Hürden sind nicht weniger hoch

Nachteilsausgleiche werden heute mehrheitlich im Zusammenhang mit einer Neurodivergenz gestellt. Unter den Dachbegriff fallen nicht nur ADHS und ASS, sondern auch Teilleistungsstörungen wie Dyslexie und Dyskalkulie. Den Anstieg solcher Gesuche führt die ZHAW auch auf eine gesellschaftliche Sensibilisierung für unsichtbare Einschränkungen zurück.

Sustainable Development Goals

4 Hochwertige Bildung 10 Weniger Ungleichheiten

Als Luna Kühne im vergangenen Sommer die Diagnose ADHS erhielt, sei das eine riesige Erleichterung gewesen, erzählt die 23-jährige ZHAW-Studentin. Endlich hatte sie eine Antwort auf die Frage, die sie sich irgendwann immer öfter gestellt habe: Warum kriege ich das nicht wie andere hin? Dass ihr manche Alltagsaufgaben auch aus neurobiologischen Gründen schwerer fielen, habe ihr eine Last von den Schultern genommen.

Als Kind hatte ihr dieses Anderssein keine Probleme bereitet. Kühne hatte zahlreiche Hobbies, trieb viel Sport, malte und bastelte gerne. «Ich konnte mich auch in der Schule für vieles begeistern und hatte immer gute Noten», erzählt die junge Frau, die heute der ZHAW in Wädenswil im 4. Semester Chemie studiert.

Schwieriger sei es erst gegen Ende der Gymnasialzeit und dann vor allem in der Ausbildung zur Konstrukteurin geworden. Auf einmal habe sie sich in einem Bürojob wiedergefunden, in dem wenig Raum für physischen Ausgleich blieb und es an klaren Aufgabenstrukturen und regelmässigem Feedback fehlte. 2024 nahm Kühne deshalb ein Studium an der ZHAW auf. Doch auch hier zeigte sich bald: Der Vorlesungsstoff machte ihr zwar keine Mühe, das Organisieren und Aufeinanderabstimmen der vielen Fächer dafür umso mehr. Gerade in Prüfungssituationen ist es für sie ausserdem sehr schwer, sich nicht vollkommen in einer Aufgabe zu verlieren, wenn diese komplex oder auch einfach spannend ist, wie die Studentin erklärt.

ADHS als häufigster Grund für Nachteilsausgleich

Inzwischen hat Kühne deshalb an Prüfungen etwas mehr Zeit zur Verfügung – denn aus diesem Hyperfokus wieder herauszufinden und die eigene Aufmerksamkeit neu zu ordnen, ist mit spürbarem Zeitverlust und erheblichem mentalem Aufwand verbunden. Modulendprüfungen kann sie ausserdem normalerweise in einem separaten Raum schreiben, um weniger Ablenkungen ausgesetzt zu sein. 

2025 lagen 45% der insgesamt 532 Gesuche für einen Nachteilsausgleich an der ZHAW eine ADHS-Diagnose zugrunde. 15% stehen im Zusammenhang mit einer Lese-Rechtschreibstörung (LRS), 10% haben ihre Ursache in psychischen Behinderungen oder Erkrankungen wie Angststörungen, Panikattacken oder Depressionen. 9 Prozent der Gesuche kommen von Personen mit chronischen Krankheiten und 4% von Personen auf dem Autismus-Spektrum (ASS).

Porträt von Jasmin Imboden, Diversity Beauftragte für den Nachteilsausgleich

Jasmin Imboden

Diversity beauftragte Person für den Nachteilsausgleich

«Wir stellen gerade bei den nicht sichtbaren Behinderungen, zu denen auch psychische und chronische Erkrankungen zählen, eine gesellschaftliche Sensibilisierung fest.»

Gesellschaftliche Sensibilisierung und präzisere Diagnosestellung

Die Zahl der Gesuche für einen Nachteilsausgleich hat in den letzten Jahren um gut 20 % jährlich zugenommen. Anspruch auf individuelle Massnahmen können alle Menschen mit attestierten Behinderungen oder chronischen Erkrankungen geltend machen, wenn die strukturellen und didaktischen Anpassungen nicht ausreichen, um chancengleiche Teilhabe an Bildungsangeboten zu gewährleisten. Dem Anspruch auf individuelle Massnahmen liegt das im Behindertengleichstellungsgesetz verankerte Recht auf unterschiedliche Behandlung zugrunde – ein Grundsatz, der beitragen soll, Chancengleichheit durch individuelle, angemessene und situationsbezogene Massnahmen wie dem Nachteilsausgleich herzustellen.

Die aktuelle Entwicklung hängt weitgehend mit jenen Einschränkungen zusammen, die unter dem Dachbegriff der Neurodivergenz vereint werden. Typischerweise zählen dazu neben AD(H)S und ASS auch Teilleistungsstörungen wie Dyslexie oder Dyskalkulie. Der Anteil diagnostizierter neurodivergenter Personen in der Bevölkerung lässt sich nicht genau beziffern, aber er nimmt spürbar zu.

Gründe für den Anstieg der Gesuche gebe es mehrere, sagt Jasmin Imboden, Diversity Beauftrage Person für den Nachteilsausgleich an der ZHAW. «Zum einen stellen wir gerade bei den nicht sichtbaren Behinderungen, zu denen auch psychische und chronische Erkrankungen zählen, eine gesellschaftliche Sensibilisierung fest.» Das zeige sich auch an einer präziseren Diagnosestellung. ADHS und ASS zum Beispiel sei bei Mädchen und Frauen lange nicht erkannt worden, das ändere sich nun. Zum anderen träten aber auch mehr Personen schon im Wissen um ihre Rechte und Möglichkeiten das Studium an, oder hätten bereits in der Schule einen Nachteilsausgleich erhalten.

Nachteilsausgleich stösst auch auf Hindernisse

Zu den häufigsten Massnahmen des Nachteilsausgleichs gehört: Prüfungen können in einer reizreduzierten Umgebung absolviert werden, und den Studierenden wird mehr Zeit dafür eingeräumt. Die Umsetzung gestalte sich jedoch nicht immer leicht, weiss Imboden. So gebe es zum Beispiel nicht an allen Standorten der ZHAW zu den benötigten Zeiten genügend geeignete Räume. «Oft werden Prüfungen so in Gruppen von 10 bis 15 Personen geschrieben.» 

Doch die Hürden sind nicht nur materieller Art. «Das Wissen rund um den Nachteilsausgleich ist noch nicht überall gleich gross», stellt Imboden fest. Als Diversity Beauftragte Person berät Imboden nicht nur Studierende und Mitarbeitende und prüft Gesuche, sondern vermittelt auch zwischen Antragsstellenden und den Departementen, die für die Umsetzung des Nachteilsausgleichs zuständig sind. Es brauche manchmal lange Gespräche, um geeignete Massnahmen festzulegen und Akzeptanz zu schaffen. «Bei sichtbaren Behinderungen ist das Aushandeln von Nachteilsausgleichen viel unkomplizierter.»

Peer-to-Peer-Projekt: Vernetzung und Austausch ermöglichen

Die ZHAW hat 2022 die Prozesse rund um den Nachteilsausgleich vereinheitlicht und professionalisiert. Seither gehen Gesuche und Anfragen für alle Departemente bei bei der zentralen Beratungsstelle Nachteilsausgleich (BSNTA) der Stabsstelle Diversity ein. (Eine Ausnahme stellt das Departement Gesundheit dar, das schon länger eine eigene Fachstelle hat.) Zudem wurden bisherige Richtlinien an der Hochschule in ein verbindliches Reglement überführt und rechtskonform verankert. 

In den Aufgabenbereich von Jasmin Imboden fallen auch Wissensvermittlung und Sensibilisierungsarbeit zum Thema. Kürzlich wurde mit dem Peer-to-Peer-Projekt ausserdem eine Massnahme zur Vernetzung von betroffenen Studierenden geschaffen. An den Treffen der Gruppe ADHS nimmt auch Luna Kühne regelmässig teil. «Wir reden über Probleme im Studium und im Alltag und geben einander Tipps», sagt die Chemiestudentin. «Vor allem aber tut es einfach unheimlich gut, sich nicht immer erklären zu müssen.»

Bildung Hochschulbetrieb Rektorat Wädenswil Winterthur Zürich

Weitere Inhalte