Zum Inhalt

Autorin: Andrea Söldi

Unkonventionelle Hilfe für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit

In fast jeder Klasse sitzt mindestens ein Kind mit erhöhter Ablenkbarkeit oder Reizempfindlichkeit. Die Verschreibung von Medikamenten, welche die Konzentration verbessern, ist in den letzten Jahren stark gestiegen.Derweil befassen sich ZHAW-Forschende mit anderen Ansätzen, um die Belastung für Kinder, Lehrpersonen und Eltern zu reduzieren.

Sustainable Development Goals

3 Gesundheit und Wohlergehen 4 Hochwertige Bildung 10 Weniger Ungleichheiten

ADHS und Autismusspektrumstörungen (ASS) beschäftigen Schulen enorm. Ein Projektteam des Departements Angewandte Psychologie hat sich zusammen mit der Schweizer Fachstelle für Hindernisfreie Architektur dem Thema Raumgestaltung gewidmet. In Interviews mit zehn betroffenen Kindern zwischen 7 und 13 Jahren, elf Lehrpersonen und einer Heilpädagogin aus verschiedenen Schulhäusern haben sie erfahren, welche Elemente eher als störend und welche als lernfördernd empfunden werden. In die Studie floss zudem die Einschätzung der Eltern über eine Online-Befragung ein. Zusammen mit Expert:innen aus der Pädiatrie, Ergo- und Psychotherapie, Sonder- und Heilpädagogik wurden die Ergebnisse vertieft.

Kognitive Erholung und Selbstregulation

«Bei den störenden Faktoren wurde häufig ein hoher Lärmpegel genannt», sagt Umwelt- und Nachhaltigkeitspsychologe Riccardo Meier. Neben Noise-Cancelling-Kopfhörern empfehlen die Forschenden Rückzugsorte wie zum Beispiel Lernwaben, Zelte oder Sitzecken. Manche Kinder können sich auch mit haptischen Objekten wie Knete oder Fidgetspinnern gut selbst regulieren, indem sie ihre Unruhe mit den Händen abbauen. Um Stigmatisierung zu vermeiden sollten diese Hilfsmittel für alle zugänglich sein. Bei Kindern, die schnell überreizt sind, wirken zudem Pflanzen sowie ein Platz mit Sicht ins Grüne beruhigend. «Einige Lehrpersonen befürchten, ein Fensterplatz würde die Kinder zum Träumen verleiten», sagt Meier. Dabei könne ihnen der Blick nach draussen helfen, ihre Aufmerksamkeit wiederherzustellen. 

Sensorische Entlastung

Viele Klassenzimmer sind liebevoll und farbenfroh eingerichtet mit Kinderzeichnungen, Bastelarbeiten und Anschauungsmaterial. Doch manchmal sei dies des Guten zu viel, sagt Meier. «Besonders im Bereich der Wandtafel können unruhige Elemente ablenkend wirken.» Ein aufgeräumtes Zimmer mit neutralen Farben und geschlossenen Schränken fördere die Konzentration. Auch natürliches oder dimmbares gelbes Licht wirke eher unterstützend als grelles, künstliches Licht.

Struktur und Orientierung

Weiter vermittelt ein fixer Arbeitsplatz mit vertrautem Sitznachbar oder –nachbarin Sicherheit, ebenso wie ein gut strukturierter Schulalltag mit Tagesübersichten und Wochenplänen. Eine klare Raumaufteilung in reizarme und reizstarke Bereiche kann ebenfalls helfen.

Die optimale Gestaltung von Räumen und Schulalltag sei eine Gratwanderung zwischen Anregung und Reizüberlastung, räumt Riccardo Meier ein. Doch vom Grossteil der vorgeschlagenen Anpassungen würden auch Kinder ohne Diagnose profitieren. Aus den Erkenntnissen der Studie will das Team bis Ende 2026 ein Merkblatt erarbeiten.

Leitfaden für Runden Tisch

Mit dem Thema Aufmerksamkeitsdefizit befassen sich auch Forschende am Departement Gesundheit. Ein Team am Institut für Public Health hat gemeinsam mit dem interprofessionellen Expert:innenforum Psychische Gesundheit Jugend des Kantons Bern einen Leitfaden für interdisziplinäre Gespräche erarbeitet.

Bei der Begleitung von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit oder Hyperaktivitätsstörung gehören «Runde Tische» zu den wichtigsten Instrumenten. Dabei sitzen alle Beteiligten zusammen – von der Ärztin über die Lehrperson, die Heilpädagogin und den Schulpsychologen bis zu den Eltern und eventuell dem Kind selbst – und besprechen die Situation. Doch derartige Treffen würden nicht immer harmonisch verlaufen, weiss Projektleiter Frank Wieber. «Die verschiedenen Hintergründe und Interessen können zu Missverständnissen führen und die Zusammenarbeit belasten». Insbesondere Eltern falle es oft schwer, ihre Sichtweise bei den Fachpersonen einzubringen. Die Handlungsempfehlungen sollen die Gespräche strukturieren und den Beteiligten helfen, verschiedene Perspektiven einzunehmen. So soll ein Austausch auf Augenhöhe erleichtert werden.

Vibration am Handgelenk für bessere Aufmerksamkeit

Ein weiteres Instrument, welches das Gesundheitsdepartement zusammen mit dem Departement Life Sciences und Facility Management entwickelt, ist die sogenannte Fokus Watch. Sie soll Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizit helfen, sich besser zu konzentrieren und sich im Alltag zu organisieren. «Betroffene Kinder sitzen manchmal stundenlang an ihren Hausaufgaben und kommen kaum vom Fleck», weiss Co-Projektleiter Frank Wieber.  Dies führe oft zu Misserfolg in der Schule, angespannten Situationen zu Hause sowie viel Frustration und schwindendem Selbstvertrauen. «Wir wollen diese Kinder befähigen, selbstständiger und effizienter zu arbeiten.»

Die FokusWatch-App nutzt die Bewegungssensoren der Smartwatch sowie künstliche Intelligenz. Wenn ein Kind zum Beispiel während der Hausaufgaben länger nicht geschrieben hat, erinnert die Uhr mit einer Vibration ans Weiterarbeiten. Ein patentierter Algorithmus erkennt aufgrund der Handbewegungen, ob ein Kind am Schreiben ist oder etwas anderes macht. Weiter hilft die Uhr, die Arbeitszeit zu strukturieren, was die Aufmerksamkeit ebenfalls fördert. Sie untereilt die Arbeit in kleine Zeitfenster und signalisiert mit dem Vibrieren, wann es Zeit für eine Pause ist und wann diese zu Ende ist. Die verbleibende Arbeitszeit wird auf dem Display anschaulich in Form eines abnehmenden Kreises dargestellt. 

Mit einer Begleit-App können Eltern für ihre Kinder zudem Checklisten mit Text und Fotos erstellen, zum Beispiel für das Packen der Schultasche oder Sportsachen sowie Morgen- und Abendrituale. Die Kinder können jeden Schritt einzeln abhaken. Über den Kalender erinnert die App an die anstehenden Aufgaben und hilft dem Kind, diese selbständiger zu erledigen.

Interessierte Eltern und Ergotherapeut:innen können die Testversion gratis beziehen unter: https://focus-watch.com/. Zukünftig will das interdisziplinäre Team die Funktionen weiter verbessern und neue Funktionen integrieren.

Forschung & Transfer Angewandte Psychologie Gesundheit Winterthur Zürich

Weitere Inhalte