Opernhäuser und Kunstmuseen sind Ankerplätze unserer kulturellen Identität. Sie sind auch Wegweiser in unsere Zukunft: Sie greifen Zeitfragen auf, provozieren Diskussionen und entwerfen mögliche Zukünfte. Aufgrund ihrer grossen Aussenwirkung und ihres öffentlichen Auftrags könnten sie eine wichtige Rolle dabei spielen, eine nachhaltige Zukunft zu verwirklichen. Tatsächlich aber fällt es Kulturinstitutionen schwer, selbst nachhaltig zu sein und damit glaubwürdige Botschafterinnen. «Culture goes Sustainable», ein gemeinsames Projekt der ZHAW und der Universität Lausanne, will das ändern.
Das Dilemma von Kulturinstitutionen
Ausgangspunkt des Projekts «Culture goes Sustainable» war eine Kollaborationsanfrage von Martin Müller, Professor für Geografie an der Universität Lausanne, an Leticia Labaronne, ZHAW-Professorin am Zentrum für Kulturmanagement. «Als Geograf erkannte Martin, dass Kulturinstitutionen ein grosses Potenzial haben, Nachhaltigkeit zu fördern – dieses jedoch bislang zu wenig nutzen», sagt Leticia Labaronne. «Da es häufig am notwendigen Know-how im Kulturbetrieb mangelt, um das eigene Handeln in Bezug auf die Nachhaltigkeit zu reflektieren, systematisch zu messen und weiterzuentwickeln, suchte er gezielt eine ergänzende Expertise im Kulturmanagement», so Labaronne weiter.
Das Dilemma der Kulturinstitutionen in Bezug auf Nachhaltigkeit besteht gemäss Leticia Labaronne darin, dass ihnen zwar bewusst ist, dass ihnen eine wichtige Rolle bei der Vermittlung der Nachhaltigkeit als gesellschaftliche Zielsetzung zukommt. Aber sie selbst haben Schwierigkeiten, nachhaltig zu sein. «Kulturinstitutionen sind oftmals in nicht-energieeffizienten Gebäuden untergebracht. Dazu kommt, dass sie durch die Einladung von internationalen Künstler:innen und dem weltweiten Transport von Kunstobjekten hohe CO2-Emissionen verursachen», erklärt Leticia Labaronne.
Leticia Labaronne
ZHAW-Professorin am Zentrum für Kulturmanagement
«Nachhaltigkeit ist eine globale Herausforderung, die wir nur gemeinsam durch internationale Kooperation und starke lokale Verankerung bewältigen können. Entscheidend ist, den Dialog zu vertiefen, aufeinander zuzugehen und unterschiedliche Realitäten zu verstehen.»
Eine Brücke zur Praxis
«Culture goes Sustainable» ist ein BRIDGE-Projekt des Schweizerischen Nationalfonds und von Innosuisse, der Schweizerischen Agentur für Innovation und hat ein Budget von knapp 2 Millionen Franken erhalten. Wie für BRIDGE-Projekte üblich geht es auch bei diesem Projekt darum, dass die Forschungserkenntnisse den relevanten Akteur:innen in Wirtschaft oder Gesellschaft vermittelt werden und ein hohes Potenzial haben, angewendet zu werden. «Uns war es von Anfang an wichtig, dass die Forschungsergebnisse nicht nur den Kulturinstitution bereitgestellt, sondern gemeinsam mit diesen entwickelt werden», so Leticia Labaronne.
Das zentrale Gefäss des Projekts bildet die 2025 gegründete Allianz «Culture for the Planet», der bereits 31 Kulturinstitutionen angehören. In dieser tauschen sich diese Kulturinstitutionen über bewährte Nachhaltigkeitspraktiken aus: «Das Royal Opera Ballet und die Tate Modern haben ihre Erkenntnisse und bewährten Prozesse den Institutionen, die mit ähnlichen Herausforderungen im Bereich des Nachhaltigkeitsmanagements zu kämpfen haben, bereitgestellt. Die Allianz ist eine Community of Practice, ein Ort des kollektiven Forschens durch Ko-Kreation und des praktischen Wissensaustauschs durch Dialog», sagt Leticia Labaronne mit Begeisterung.
Die Allianz ist aktuell ein Forum ohne juristische Form. «Nach Projektende soll ‹Culture for the Planet› weiterbestehen und dazu beitragen, dass sich die entwickelten Standards in der Branche etablieren», erklärt Leticia Labaronne. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung haben die Mitglieder der Allianz mit der «Declaration of Lausanne» von Oktober 2025 unternommen. In dieser verpflichten sie sich, den Übergang zur Nachhaltigkeit im Kunst- und Kultursektor voranzutreiben und branchenspezifische Richtlinien und Standards zur Nachhaltigkeit anzunehmen und zu respektieren.
Ein ISO-Zertifikat für nachhaltige Kulturinstitutionen
Ziel des Projekts «Culture goes Sustainable» ist es, Wissen, Werkzeugen und Prozesse zu schaffen, das den Kulturinstitutionen ermöglicht, ihren Beitrag auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft zu leisten. Die zentrale Herausforderung besteht gemäss Labaronne darin, die erbrachten Leistungen im Bereich der Nachhaltigkeit zu messen und nachzuweisen. Das Projektteam von «Culture goes Sustainable» erarbeitet deshalb ein Framework zum Management, zur Zertifizierung und Qualifizierung von Nachhaltigkeitsleistungen.
Aktuell entwickeln Labaronne und ihr Team ein internationaler ISO-Standard für nachhaltiges Management in Kunst- und Kulturorganisationen, das formell von der ZHAW eingereicht worden ist. «ISO-Standards vereinen starke Governance mit globaler Anerkennung. Dank der Expertise nationaler Komitees werden sie kooperativ entwickelt und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Kulturinstitutionen weltweit abgestimmt – mit dem Ziel, international tragfähige und zugleich kontextsensible Standards zu schaffen», so Leticia Labaronne.
Regionale Unterschiede als Chance
Dem Projektteam ist es ein grosses Anliegen, regionale Unterschiede zu berücksichtigen. «In Europa ist die Nachhaltigkeit institutionell gut verankert. Kulturinstitutionen können darauf zählen, dass sich die Nachhaltigkeitspolitik nicht plötzlich ändert», sagt Leticia Labaronne. Anders sieht die Situation gemäss der Expertin für Kulturmanagement in Lateinamerika aus. «Wir arbeiten dort viel mit Dachverbänden zusammen. Diese übernehmen eine Führungsrolle, wenn es darum geht, Nachhaltigkeit im Kunst- und Kultursektor institutionell zu fördern», erklärt Leticia Labaronne.
Leticia Labaronne, die aus Argentinien stammt und seit 2009 an der ZHAW tätigt ist, sieht die regionalen und kulturellen Unterschiede als eine Chance: «Nachhaltigkeit ist eine globale Herausforderung, die wir nur gemeinsam durch internationale Kooperation und starke lokale Verankerung bewältigen können. Entscheidend ist, den Dialog zu vertiefen, aufeinander zuzugehen und unterschiedliche Realitäten zu verstehen.»