Fünfzig Unternehmen, vier Jahre, dreissig Workshops, zehn identifizierte Hürden: Die Bilanz des Innovation Boosters «Applied Circular Sustainability» liesse sich in Zahlen erzählen. Die eigentliche Erkenntnis der vier Jahre lautet: Kreislaufwirtschaft scheitert selten an der Technik. Sie scheitert an fehlenden Partnerschaften, an Gesetzen, die noch immer zu linear denken, und an Geschäftsmodellen, die vorher niemand ausprobiert hat.
Die Systemfrage hinter der Kreislaufwirtschaft
Von 2021 bis 2024 hat der von Innosuisse geförderte Booster unter Leitung des Instituts für Produkte- und Produktionstechnik (IPP) der ZHAW School of Engineering mehr als fünfzig Schweizer Unternehmen auf dem Weg von linearen zu zirkulären Geschäftsmodellen begleitet. Darunter grosse Namen wie Mammut, AMAG, Stöckli und Planzer Transporte, aber auch junge Startups wie Kuori oder Rheiazymes.
In über dreissig Workshops trafen fünfzig Pionier:innen der Kreislaufwirtschaft aufeinander. Gemeinsam identifizierten sie zehn zentrale Hürden: Von regulatorischen Rahmenbedingungen über neue Geschäftsmodelle bis zu Materialkreisläufen, die sich schliessen lassen müssen.
«In unserem Programm suchen wir nach Ideen, die nicht nur für ein einzelnes Unternehmen attraktiv sind, sondern das Potenzial haben, eine ganze Branche oder sogar ganze Sektoren zu verändern», sagt Adrian Burri, der das Booster leitete. Entscheidend sei zudem, dass sich Materialkreisläufe über einzelne Firmen hinaus lückenlos nachverfolgen und zertifizieren lassen.
Adrian Burri
Leiter Innovation Booster «Applied Circular Sustainability», Head of Institute of Prod-uct Development and Production Technologies, ZHAW School of Engineering
«Die Open Innovation Challenge war der Initialfunke für die Gründung eines unternehmensübergreifenden Verbands im Medtech-Sektor.»
Die Rolle der ZHAW als unternehmerische Hochschule
Für die ZHAW ist der Booster zeigt, was gemeint ist, wenn sich die Hochschule als «Entrepreneurial University» versteht: eine Institution, die unternehmerisches Denken nicht nur lehrt, sondern selbst praktiziert und in der Gesellschaft transferiert.
Das IPP leitete ein Konsortium aus siebzehn Partnerorganisationen, von der ETH Zürich über weitere Fachhochschulen bis zu den Impact Hubs in Basel, Bern und Zürich. Die Aufgabe war nicht, Kreislaufwirtschaft zu erforschen und zu beschreiben, sondern Unternehmen direkt beim Umsetzen zu begleiten: mit zweitägigen Sprints und Expertinnengesprächen aus vier Fachbereichen.
Drei Firmen, drei Kreisläufe
Mammut wollte Kletterseile vollständig zirkulär gestalten, inklusive Rücknahmesystem für gebrauchte Seile. Im Booster entstand daraus die Kampagne «Close the Loop». «Der grösste Vorteil für uns war, wirklich fokussiert zu sein – ohne Ablenkung durch E-Mails oder andere Projekte – und diese Zeit gezielt zu nutzen, um unser Projekt voranzubringen», sagt Sophie Renot, Innovation Managerin bei Mammut.
Auch das Modelabel Neumühle suchte nach einem Material, aus dem sich eine komplette Winterjacke fertigen lässt und das trotzdem vollständig recycelbar bleibt. Mit dem Kunststoff PA6 und dem Recyclingpartner Aquafil gelang ein geschlossener Materialkreislauf, ausgezeichnet mit dem German Ecodesign Award.
Am weitesten reichte die Wirkung im Medtech-Sektor. Über zwanzig Unternehmen aus der Medizintechnik untersuchten gemeinsam offene Fragen zu Materialauswahl, Logistik und der Zulassung von Sekundärmaterialien. «Die Open Innovation Challenge war der Initialfunke für die Gründung eines unternehmensübergreifenden Verbands im Medtech-Sektor», sagt Burri. Aus der Challenge entstand die Allianz «Go Circular in Life Science».
Was der Booster nicht lösen konnte
Die grösste der zehn identifizierten Hürden bleibt nach vier Jahren ungelöst. Die aktuelle Gesetzgebung unterstützt Kreislaufwirtschaft nicht – sie schreibt vielerorts weiterhin vor, dass bestimmte Produkte nach der Nutzung verbrannt statt recycelt werden. Einzelne Unternehmen haben darauf kaum Einfluss, gesetzliche Anpassungen stehen politisch nicht hoch auf der Agenda.
Zudem zeigte sich: Etablierte Firmen tun sich beim Umbau zu zirkulären Modellen schwerer als Start-ups, die von Grund auf neu planen können. Wer als grosses Unternehmen umstellt, stösst schneller an die Grenzen des eigenen Geschäftsmodells.
Wer im Kreis denken will, muss auch bereit sein, dabei zu scheitern
Der Booster hat den Anstoss gegeben – was daraus wird, entscheidet sich jetzt bei den Unternehmen selbst. Für Adrian Burri bleibt eine Erkenntnis, die über die einzelnen Projekte hinausreicht: Kreislaufwirtschaft gelingt nicht ohne Pionierinnen und Pioniere, die auch scheitern dürfen, und nicht ohne Strukturen, die aus einem gescheiterten Versuch die nächste Idee machen. Ob die Schweiz davon genug hat, zeigt sich erst noch.
Adaptiert aus: Erkenntnisse aus 4 Jahren Förderung der Schweizer Kreislaufwirtschaft, März 2025, Applied Circular Sustainability