Die Technologie ist bereit: Verschiedene Alternativen könnten das heutige Kerosin im Flugverkehr ersetzen. So ist es in der Schweiz bereits heute obligatorisch, dass Kerosin zu mindestens zwei Prozent aus Biogas besteht. In der EU wird diese Regel ab 2027 ebenfalls in Kraft treten. Bis 2030 soll der Wert bereits bei sechs Prozent liegen, bis 2050 sogar bei 35 Prozent.
Biogas wird aus Nahrungsmittelresten hergestellt, kann aber auch aus Kochöl, Frittieröl oder Tierfetten bestehen. «Diese Fette für die Treibstoffgewinnung weiterzuverwenden ist an sich eine gute Sache», sagt Paula Castro, Professorin für Energie und Umwelt, «schwierig wird es aber, wenn dieser Markt missbraucht wird und beispielsweise Palmöl oder andere essbare Rohstoffe angebaut werden, nur um sie dann als Treibstoff zu verwenden.» Wichtige Ressourcen, die als Nahrungsmittel gebraucht würden, werden so verschwendet. Und: Landmassen werden unnötig strapaziert. Erlaubt ist diese Praxis weltweit nicht – kontrollieren lässt sich der Missbrauch allerdings genauso wenig.
Synthetische Treibstoffe als Alternative
Aus diesem Grund ist es das Ziel, langfristig auf synthetische Treibstoffe umzusteigen. Einer davon ist Wasserstoff. Einfach erklärt, wird bei der Herstellung von Wasserstoff Wasser mit Kohlendioxid verbunden. Für die Herstellung braucht es also einerseits viel Wasser, andererseits CO₂, beispielsweise aus der Industrie. Allem voran braucht die Herstellung aber enorme Mengen an Strom. Das ist einerseits teuer, andererseits sehr ineffizient, denn: Setzt man die Menge Treibstoff, die man aus der Prozedur gewinnt, in Relation zum Stromverbrauch, den man für die Herstellung braucht, ist es eigentlich unverhältnismässig. Und dennoch: Der Flugverkehr lässt sich kaum elektrifizieren wie der Strassenverkehr, da heutige Batterien fürs Fliegen zu wenig leistungsfähig sind.
Das Forschungskonsortium ReFuel, bei dem auch die ZHAW dabei ist, arbeitet deshalb an neuen Verfahren. So sollen aus Methanol und Wasserstoff neue Ketten entstehen, um insgesamt mehr Kerosin herstellen zu können. Diese Prozesse sind aber noch in der Entwicklung und noch nicht kommerziell verfügbar.
Kommerzielle Anlage fehlt
Eine essenzielle Herausforderung bei der Herstellung synthetischer Treibstoffe: Derzeit gibt es keine kommerzielle Anlage, die sie im grossen Stil herstellen könnte. Dafür bräuchte es Investoren, die sich trauen, auf diese neuen Lösungen zu setzen. «Bis jetzt warten alle zu, weil die erste Anlage immer die teuerste ist und bisher niemand dieses Risiko eingehen möchte», erklärt Professorin Castro.
In der Schweiz gäbe es Gedanken, eine solche Anlage zu bauen. Dies würde aber sehr viel Platz beanspruchen, der in der Schweiz ohnehin schon knapp sei. Zudem müsste die Anlage erneuerbare Energiequellen nutzen. Diese ist in der Schweiz jedoch nicht im Überfluss vorhanden. Es würden also Energieressourcen gebraucht, die anderswo in der Schweiz sinnvoller eingesetzt würden. Die EU habe dieselben Herausforderungen, sagt Paula Castro. Aus diesem Grund versucht man derzeit, mit Ländern zusammenzuarbeiten, die für Solarenergie ganzjährig geeignet sind, beispielsweise Oman im Mittleren Osten. Der neuartige Treibstoff würde also dort produziert und danach mit Schiffen nach Europa transportiert.
Ein ökologischer Widerspruch? «Nicht unbedingt», sagt Paula, und erklärt: «Der Schiffsverkehr lässt sich im Gegensatz zum Flugverkehr relativ einfach elektrifizieren.» Der Treibstoff könnte also emissionsarm nach Europa transportiert werden und hier in Pipelines an verschiedene Länder verteilt werden. Eine grössere Herausforderung bei dieser Lösung seien die Importabhängigkeiten und Sicherheitsaspekte, die in der heutigen geopolitischen Lage schwer gewichtet werden.
Politische, regulatorische und wirtschaftliche Abhängigkeiten
Die Thematik ist also komplex. Es geht weniger darum, die am besten geeignete Technologie zu entwickeln, sondern die verschiedenen Interessen und Dynamiken in Politik und Wirtschaft aufeinander abzustimmen. Genau dazu forscht die Gruppe um Paula Castro im Auftrag des Bundesamts für Energie. Denn die Schweiz möchte wissen, wann, wo und wie finanzielle Mittel eingesetzt werden sollen, um die beste Lösung für Ökonomie, Umwelt und Gesellschaft zu erzeugen.
Wäre es nicht einfacher, ganz auf das Fliegen zu verzichten? Paula widerspricht: «Man kann den Leuten nicht verbieten zu fliegen. Wir brauchen globale Lösungen, wie wir den Flugverkehr reformieren können, um die Umwelt so wenig wie möglich zu belasten.» Die Schweiz sei ein reiches Land. «Wenn wir uns das nicht leisten können, wer dann?»
Erste Ergebnisse von der Forschungsgruppe um Paula Castro werden Ende August 2026 publiziert.