«Wir sollten uns bewusst sein, dass Umwelt und Gesundheit einander beeinflussen», sagt Michael Galatsch. Der Pflegewissenschaftler und Professor für «Global and Planetary Health» will dieses Bewusstsein in Gesundheitsberufen schärfen. Denn das sei nötig, um mit den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft umgehen zu können.
«Wenn immer mehr Menschen in Gesundheitsberufen die Haltung entwickeln, dass wir uns um Nachhaltigkeit bemühen sollten, dann können wir viel bewirken», so Galatsch. Er weiss, dass Pflegefachpersonen, Hebammen und Ergotherapeut:innen sowohl bei einzelnen Patient:innen und deren Umfeld, als auch in Sozialräumen und Organisationen viel Wirkung entfalten können. «Sie sind Multiplikatoren. Wenn es um Gesundheitsthemen geht, sind sie Expertinnen, die viel Vertrauen geniessen und darum präventiv wirken können.» Nur sei das vielen Fachpersonen kaum bewusst.
ZHAW MSc Modul «Global Health»
Aufklären im direkten Kontakt
Deshalb hat Galatsch für die ZHAW School of Health Science ein Modul zum Thema «Global Health» entwickelt, das er auch leitet. Es ist ein Pflichtmodul und soll das systemische Denken, das Verständnis für Zusammenhänge im globalen Massstab fördern. Ein Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch das Modul zieht, ist die Nachhaltigkeit in verschiedenen Facetten. Ganz konkret um Umweltthemen geht es im Teil «Planetary Health». «Hier reden wir über Klimaszenarien und den Einfluss der planetaren Gesundheit auf die menschliche Gesundheit», so Galatsch.
Wichtig ist ihm dabei der Fokus auf die Rolle der Gesundheitsfachpersonen. Aktuell besuchen jährlich knapp 80 Studierende aus den Studiengängen Pflege, Ergotherapie und Hebamme das Modul «Global Health». «Diese Fachpersonen haben oft direkten Kontakt zu den Menschen an verschiedenen Orten: Im Spital, zuhause, in den Communities, in denen man die Menschen versorgt. Genau hier können sie aufklären und präventiv wirken.»
Wie sich der Klimawandel auf die Gesundheit auswirkt
Das klassische und bisher gut untersuchte Beispiel sind Hitzewellen. Es gibt immer mehr von ihnen, in kürzeren Abständen und mit noch höheren Temperaturen. Umso wichtiger wird es, dass Gesundheitsfachpersonen die Risiken kennen und insbesondere vulnerable Patient:innen sowie deren Umfeld dafür sensibilisieren. «Das Risiko betrifft viele Menschen – und zwar nicht nur im häuslichen Umfeld», sagt Galatsch.
Es gibt beispielsweise evidente signifikante Effekte bei Hitze und Schizophrenie. Im Bereich der Psychiatrie kann die Mortalität bei Hitzewellen um den Faktor 3 steigen. «Solche Fakten müssen Gesundheitsfachleute kennen, das müssen wir vermitteln», ist Galatsch überzeugt. Nur dann können die Fachpersonen mit dem regelmässigen Kontakt zu Betroffenen ihre besondere Rolle als Beratende wahrnehmen und Prävention leisten.
Michael Galatsch
Professor für «Global and Planetary Health»
«Gesundheitsfachpersonen müssen verstehen, wie die globalen Probleme ihre tägliche Arbeit und die Gesundheit der Patient:innen beeinflussen und wie sie zur Minderung der Auswirkungen beitragen können.»
Befähigen und motivieren
Mit dieser besonderen Rolle kommt den Gesundheitsfachpersonen auch eine besondere Verantwortung zu, wenn es um Nachhaltigkeit und Gesundheit geht. «Wir möchten die Fachpersonen für diese Rolle sensibilisieren und sie dazu befähigen, ihr gerecht zu werden», so Galatsch. Denn sie sei eine grosse Chance, Einfluss zu nehmen auf die gesundheitliche und nachhaltige Entwicklung – gemeinsam mit vielen anderen Fachpersonen. «Wir denken transprofessionell: Gesundheitsfachpersonen können gemeinsam mit Sozialarbeitenden, mit Landschaftsgärtner:innen, Quartierplaner:innen und vielen anderen unsere Lebensqualität nachhaltig verbessern.»
Auch wenn im Schweizer Gesundheitssystem die Themen Prävention und Nachhaltigkeit bisher nur eine (zu) kleine Rolle spielen: Das Bewusstsein für die Zusammenhänge und Entwicklungen werde immer grösser, sagt Galatsch. Er merke, wie das Verständnis, die Kreativität und die Motivation, Verantwortung zu übernehmen, bei den Studierenden steigen. Im Modul «Global Health» wollen er und seine Kolleg:innen dieser Motivation Auftrieb geben. «Dafür sind wir angetreten: Die Pflegefachpersonen zu motivieren und zu befähigen, nachhaltig und global zu denken und zu arbeiten», sagt Galatsch.
Alle Hebel nutzen
Darum ist es ihm und seinen Kolleg:innen wichtig, bei all den negativen Auswirkungen beispielsweise des Klimawandels und den in vielerlei Hinsicht düsteren Zukunftsaussichten aufzuzeigen, wo Handlunspotenzial liegt. Dort, wo Wirkung möglich ist, solle sie genutzt werden. «Vielleicht sehen die Gesundheitsfachpersonen, die wir heute ausbilden, in ihrer Praxis, wo es Potenzial für nachhaltigeres Arbeiten gibt. Auch die kleinen Hebel müssen wir nutzen.»
Ob ein einzelnes Pflichtmodul reicht, um diese Haltung zu entwickeln? «Es braucht wohl mehr – wie bei allen Themen hilft es, wenn wir in regelmässigen Abständen einen Input, einen kleinen Schubser erhalten. Aber es ist eine gute Grundlage und schärft die Wahrnehmung für die Themen», so Michael Galatsch. Mit diesem Modul in der Pflege-, Hebammen- und Ergotherapieausbildung leistet die ZHAW in der Schweiz einen wichtigen Beitrag.