Wenn Künstliche Intelligenz Aufgaben übernimmt, die eben noch zu den Kernkompetenzen von Fachpersonen in Sprach-, Kommunikations- und Wissensberufen gehörten, kann das nicht nur entlastend und hilfreich sein. Es löst auch allenthalben Unruhe und Unsicherheit aus. «Wozu braucht es mich noch und wie zukunftssicher ist mein Beruf?», fragen sich manche gut ausgebildete Fachleute.
Um Zukunftsfähigkeit geht es im institutsübergreifenden Projekt «CreAIgile Literacy – Disrupting AI» der ZHAW. Der Projekttitel verbindet «Kreagilität» – also Kreative Agilität – mit AI Literacy und Futures Literacy. Im Zentrum steht die Frage, welche Future Skills Menschen und Organisationen brauchen, um KI nicht nur effizient, sondern auch verantwortungsvoll und nachhaltig einzusetzen. In Sprach-, Kommunikations- und Wissensberufen macht Kreative Agilität den entscheidenden Unterschied im Umgang mit KI, ist Birgitta Borghoff überzeugt. Die Dozentin, Forscherin, Beraterin und Trainerin leitet das Projekt.
Brigitta Borghoff
Projektleiterin «CreAIgileLiteracy»
«Um sich auf einen kreagilen Prozess einzulassen, müssen wir dem Druck widerstehen, sofort eine Lösung zu präsentieren. Wir bleiben handlungsfähig, wenn wir offen bleiben, Perspektiven wechseln und dem Nichtwissen einen produktiven Raum geben.»
Genuin menschliche Skills als Voraussetzung
Borghoff sagt: «Im Endeffekt geht es darum, handlungsfähig zu bleiben – gerade in Situationen von Unsicherheit und Mehrdeutigkeit.» Zusammen mit ihrem Projektteam entwickelt sie Lehr-, Living-Lab- und Workshopangebote sowie ein Kompetenz-Framework, das kreagile Kompetenzen im Umgang mit KI in Teams und Organisationen sichtbar und trainierbar macht. Erprobt werden diese Angebote mit Mitarbeitenden, Führungspersonen und Lehrenden von Projekt-Partnerorganisationen. Die Kompetenzen, die die Teilnehmenden in den Trainings erwerben, werden gemeinsam reflektiert und entwickelt.
«Die KI ist uns rechnerisch und in Bezug auf Effizienz überlegen. Keine Frage. Aber sie braucht Menschen, die kluge Fragen stellen, die kritisch und vor allem kreativ denken können», so Borghoff. Diese zutiefst menschlichen Skills gewinnen an Bedeutung und werden in den Formaten des Projekts gefördert.
Innere Kompetenzen stärken
Gerade dort, wo KI viel eingesetzt werde, seien jene Fähigkeiten wichtig, die uns als Menschen auszeichnen, so Borghoff. Dazu gehörten überfachliche Skills wie emotionale Wahrnehmung, Intuition, ethisches Urteilen, kritisches Denken und Perspektivenwechsel. Nur so könne verantwortungsvoll mit der KI gearbeitet werden.
Auf Ebene des Individuums heisst das, dass vom breiten Set an Skills, das in Wissensberufen gefragt ist, die «inneren», individuellen Kompetenzen an Bedeutung gewinnen. In diesen Bereichen sind wir tendenziell weniger stark als in anderen, da sie bisher als weniger wichtig erachtet wurden in der Berufswelt. «Beispielsweise Selbsterkenntnis oder Empathie: Diese Kompetenzen sind bei uns allen vorhanden, aber wir erlauben uns noch zu wenig, sie zu nutzen. Darum legen wir in den Trainings, die wir entwickeln, hier einen Schwerpunkt», sagt Borghoff.
Dem Prozess vertrauen
Diese Kompetenzen sind wichtig, um offen zu bleiben. «Wenn wir kreagil arbeiten, dann geht es nicht darum, rasch eine Lösung zu haben, sondern uns Überforderung, Unsicherheit und Probleme wie einen Forschungsgegenstand sehr bewusst und fokussiert anzuschauen und kluge Fragen an ihn zu stellen. Wenn wir offen sind, bleiben wir handlungsfähig. Dann kommen Antworten von selbst, fallen uns Lösungen zu und zeigen sich Auswege, die am Anfang nicht sichtbar waren. Fragen öffnen, Antworten schliessen», so Borghoff. «Es geht darum, dem Prozess zu vertrauen.»
Borghoff und ihr Team greifen unter anderem auf Herangehensweisen zurück, die in Kunst oder Theater zum Einsatz kommen. Künstler:innen suchen nicht nach Lösungen. Sie untersuchen ein Thema, sie nähern sich ihm an, tauchen ein, versuchen, es zu durchdringen. Bestenfalls entsteht dabei ein Werk oder ein neuer Möglichkeitsraum, der ihnen selbst und anderen eine neue Perspektive auf das Thema eröffnet. Und vielleicht ist darin ein Ansatz, eine Lösung zu erkennen.
Keine Perspektivwechsel ohne Fühlen
Die Frage der Perspektive ist eine, die Birgitta Borghoff ebenso betont. «Wir alle wissen, dass es wichtig ist, die Perspektive zu wechseln», sagt sie. Wir arbeiten beispielsweise an einem Projekt oder einem Text und glauben, wir würden immer wieder einen Perspektivwechsel vollziehen, um unsere Arbeit zu überprüfen. «Oft aber tun wir das nur in Gedanken», so Borghoff. Wenn wir ehrlich mit uns seien, würden wir den Wechsel selten in die Tat umsetzen. Die damit verbundenen Emotionen dahinter nähmen wir oft nicht wahr, weil wir unsere eigenen Gefühle kaum zuliessen.
«Darum geht es: Unsere Emotionen wieder zu fühlen.» Wenn man sich die Zeit nehme, sich zu fragen, was man fühle im Angesicht beispielsweise von spezifischen Dilemmata, helfe das, die Perspektive tatsächlich zu wechseln. «Und genau von diesem Fühlen können wir etwas lernen, was über das reine Denken hinausgeht.»
Lernen von eigenen und anderen Erfahrungen
Dasselbe gelte für den Austausch untereinander, auch im fachlichen Kontext. «Wir wissen, wie gut es wäre, sich auszutauschen. Wie viel wir voneinander und von unseren Geschichten lernen können», so Borghoff. Dennoch nehmen wir uns selten die Zeit, das zu tun und uns auf die unterschiedlichen Geschichten einzulassen. «Auch dafür bieten unsere Trainingsangebote Raum. Wir nutzen Storytelling-Praktiken, um von den Erfahrungen aller zu lernen. Auch den Erfahrungen im Umgang mit KI. Wir lernen voneinander, wo und wie die KI-Tools hilfreich sein und wo sie uns vielleicht in die Irre führen können.»
Diese Fähigkeiten, die das Wahrnehmen, Zulassen, Ausdrücken und Teilen von Emotionen miteinschliessen, sind im Umgang mit KI wichtig. Hier gilt es, die Perspektive immer wieder zu wechseln, Ergebnisse und Erkenntnisse zu spiegeln, kluge und kritische Fragen zu stellen und aus den gemeinsamen Erfahrungen zu lernen.
Nachhaltig handlungsfähig bleiben
Zukunft gestalten heisst: Als Organisation, als Unternehmen oder Hochschule die Offenheit zu kultivieren und Raum zur Verfügung zu stellen, dass Kreative Agilität erwachsen kann. «Creagilizing oder Kreagilisieren» – eine im Projekt entstandene Wortneuschöpfung – ist eine Haltung und Praxis zugleich. Für Borghoff bedeutet sie, Unsicherheit nicht nur zu bewältigen, sondern als Ausgangspunkt für Co-Kreation und nachhaltige Zukunftsgestaltung zu nutzen.