Wer an Plastik im Meer denkt, stellt sich oft eine lange Reise vor: Abfall, der über Jahre um den Globus treibt, bis er weit weg von seiner Herkunft irgendwo angespült wird. Die Bachelorarbeit von Selina Pfäffli zeichnet für den Can-Tho-Fluss in Vietnam ein anderes Bild. Ein Grossteil des dort identifizierbaren Plastiks war weder alt noch importiert: Es stammte aus dem eigenen Land und war oft erst wenige Monate zuvor produziert worden.
Eine Barriere quer durch den Fluss
Pfäffli schliesst ihr Bachelorstudium in Umweltingenieurwesen an der ZHAW ab und hat ihre Abschlussarbeit gemeinsam mit The Ocean Cleanup durchgeführt, einer niederländischen Non-Profit-Organisation, die mit «Interceptors» weltweit Plastik aus Flüssen abfängt, bevor es die Ozeane erreicht. Für die Feldarbeit reiste sie sechs Wochen lang nach Can Tho, an der «Interceptor» Anlage, drei Kilometer oberhalb der Mündung des Can-Tho-Flusses in den Hau, einen Arm des rund 4'900 Kilometer langen Mekong.
Die Anlage selbst ist unspektakulär: eine 100 Meter lange schwimmende Barriere, die rund 17 Prozent des Flussquerschnitts abdeckt und Treibgut mit der natürlichen Strömung zu einem Förderband lenkt. Von dort gelangt der Abfall in sechs Container, die bei Bedarf mit einem Kran ausgehoben und entladen werden – ein Vorgang, den man vor Ort «Offloading» nennt. Zweimal, am 7. Oktober und am 1. November 2024, war Pfäffli dabei. Insgesamt fischte der Interceptor in dieser Zeit 1'592 Kilogramm Material aus dem Wasser.
Selina Pfäffli
Bachelorabsolventin Umweltingenieurwesen, ZHAW School of Life Sciences und Facility Management
«Für die Zukunft wünsche ich mir, dass ich weiterhin in so spannenden und relevanten Umweltprojekten mitarbeiten kann und dazu beitragen kann, die Welt vielleicht ein bisschen besser zu machen.»
Vom Container zur Analyseplatte
Auf einer Plane am Flussufer sortierte Pfäffli das Material nach einem international standardisierten Protokoll und analysierte es im Detail: Herkunft, Marke, Produktions- und Verfallsdatum, Abbaugrad, Kunststofftyp. 342 eindeutig menschengemachte Objekte untersuchte sie so einzeln.
Ein typischer Tag, beschreibt Pfäffli ihre Feldarbeit, habe mit einem Offloading begonnen, also dem Entleeren der Container. Danach habe sie den Inhalt sortiert, repräsentative Stücke ausgewählt, diese trocknen lassen und schliesslich jedes Objekt einzeln vermessen, fotografiert und dokumentiert.
Frisch, lokal, unübersehbar
Der grösste Teil des aufgefangenen Materials (92 % des Gewichts) war organischer Natur, vor allem treibende Wasserhyazinthen, die der Interceptor nicht von echtem Abfall trennen kann. Innerhalb des verbleibenden Plastiks zeigte sich aber ein klares Muster: Bei den Objekten, deren Herkunft sich bestimmen liess, stammten 85,7 % aus vietnamesischer Produktion, hergestellt von lokalen Firmen unter einheimischen Marken. Mehr als drei Viertel der datierbaren Gegenstände waren innerhalb des letzten Jahres hergestellt worden.
Am häufigsten liess sich die Herkunft bei PET-Trinkflaschen bestimmen, mit 52 Stück die grösste Einzelkategorie, gefolgt von Plastiktüten und Styropor-Fragmenten. Take-away-Verpackungen aus Restaurants und dem nahen Nachtmarkt prägten das Bild. Für Pfäffli ein Hinweis darauf, dass ein grosser Teil des Mülls nicht importiert wird, sondern direkt am Fluss entsteht und dort auch entsorgt wird.
Wo die Daten an ihre Grenzen stossen
Ganz vollständig ist das Bild damit nicht. Bei rund zwei Dritteln der 342 untersuchten Objekte liess sich weder Marke noch Herstellerland zweifelsfrei bestimmen – Etiketten waren verblasst, fehlten, oder liessen sich wegen der Sprachbarriere vor Ort nicht zuordnen.
Auch die Feldarbeit selbst stiess an Grenzen: Verzögerungen bei der Koordination zwischen Interceptor-Betrieb, Transportbooten und Entsorgungsfirmen verlängerten die Zeit zwischen den Offloadings, und die Referenzobjekte für die Abbaugrad-Analyse stammten aus der kleineren Stichprobe von 342, nicht aus allen 1744 erfassten Teilen. Pfäffli benennt diese Einschränkungen in ihrer Arbeit offen, auch weil sie zeigen, wie viel Handarbeit und Ermessen selbst ein standardisiertes Feldprotokoll noch braucht.
Menschen hinter dem Projekt
Der Kontakt zu The Ocean Cleanup entstand über eine Vorlesung im ersten Studienjahr, die Pfäffli für das Thema begeisterte. Während eines Auslandssemesters in den Niederlanden, wo die Organisation ihren Sitz hat, suchte sie den direkten Kontakt: Aus dem Besuch wurde eine Zusammenarbeit, aus der Zusammenarbeit eine Bachelorarbeit am anderen Ende der Welt.
Vor Ort war Pfäffli auf ein eingespieltes Team angewiesen: Die Logistik der Feldarbeit organisierte Nadhira Putri, die Koordination mit Interceptor-Betrieb, Transportbooten und Entsorgungsfirmen übernahm Thanh Do, Operations Manager in Can Tho. Ermöglicht wurde das Projekt auch durch das Sustainable Impact Program der ZHAW, das Projekte wie dieses finanziell unterstützt.
Adaptiert aus den folgenden Quellen: