Im August 2025 reisten die ZHAW-Dozentinnen Florence Messerli und Beate Krieger nach Lwiw, um Berufskolleg:innen aus der Ukraine zu treffen. Die persönliche Begegnung war der Abschluss eines mehrmonatigen Projektes. Bereits die Anfahrt sei abenteuerlich gewesen, erzählt die Ergotherapeutin Beate Krieger. Zusammen mit einer Kollegin kam sie nachts um vier Uhr während einer Ausgangssperre mit dem Zug in der ukrainischen Stadt an. «Wir wurden von einem Fahrer mit Sondergenehmigung am Bahnhof abgeholt und durch die gespenstisch leere Stadt ins Hotel gebracht.» Der Krieg sei während des dreitägigen Aufenthalts stets zu spüren gewesen. «Jeden Tag heulten etwa fünf Mal die Sirenen», erinnert sich Beate Krieger, «und zwei Mal explodierten in der Nähe Sprengkörper».
Seit Beginn des Krieges 2022 werden in der Ukraine täglich Menschen körperlich und psychisch verletzt und traumatisiert. Damit betroffene Kinder besser rehabilitiert werden können, führte das ZHAW Departement Gesundheit gemeinsam mit der lokalen NGO Patients of Ukraine von 2022 bis 2025 ein Projekt zum Wissenstransfer durch. Ziel war es, die Ausbildung von Physio- und Ergotherapeut:innen, die mit Kindern arbeiten, an den ukrainischen Hochschulen zu verbessern. Initiiert worden war das Projekt von der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), finanziert wurde es von der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Florence Messerli
Dozentin am ZHAW-Institut für Physiotherapie
«Trotz des belastenden Kriegsalltags war die Bereitschaft unserer ukrainischen Kolleg:innen zu lernen, sich auszutauschen und Neues zu integrieren, beeindruckend. Es ist verrückt, was sie unter diesen Umständen alles leisten!»
Ziel: Verbesserter Unterricht
In der Ukraine bilden siebzig Hochschulen Physio- und Ergotherapeutinnen aus. Viele dieser Schulen haben aber nicht die Möglichkeit, ausreichend Fachkräfte nach wissenschaftlich geprüften Methoden oder internationalen Standards zu unterrichten. Für das Projekt wurden je zehn ukrainische Dozent:innen für Ergotherapie und Physiotherapie ausgewählt. Von der ZHAW waren Florence Messerli, Dozentin am Institut für Physiotherapie, und Dr. Beate Krieger, Dozentin am Institut für Ergotherapie, involviert. Das Projekt umfasste drei Phasen, wobei erst der dritte und letzte Teil des Projektes vor Ort in Lwiw durchgeführt wurde. In den ersten beiden Phasen fand der Austausch der Fachpersonen aus der Schweiz und der Ukraine online statt. Die Gruppen Ergotherapie und Physiotherapie trafen sich jeweils separat.
In der ersten Projektphase sprachen die Physiotherapeut:innen während zweieinhalb Monaten einmal pro Woche in einer Videokonferenz miteinander, um Lehrmaterialien und einen Lehrplan für die pädiatrische Physiotherapie zu entwickeln. Anders bei den Ergotherapeutinnen: Da die Ausbildung in der Ukraine noch jung ist, stellte Beate Krieger in ihrer Gruppe grosse Unterschiede bezüglich des Fachwissens fest. Sie musste zuerst den Bedarf an neuen Inhalten klären. Die Ukrainer:innen in ihrer Gruppe zeigten schliesslich besonderes Interesse an ergotherapeutischen Theorien, modernen Lehrmethoden und der Arbeit der Ergotherapie auf der pädiatrischen Intensivstation.
Treffen per Videokonferenz
In der zweiten Phase diskutierte die Physio-Gruppe von Florence Messerli in weiteren Online-Sitzungen, wie die erarbeiteten Inhalte in der Lehre funktionierten und wie sie angepasst werden könnten. Beate Krieger unterrichtete ihre Kolleg:innen in dieser Zeit zwei Stunden pro Woche per Videokonferenz. Die Ergotherapie-Dozentin hielt Vorträge zu von den Teilnehmer:innen gewünschten Themen. Weitere zwei Stunden pro Woche gestalteten jeweils die ukrainischen Dozent:innen.
In der dritten Phase reisten Beate Krieger und Florence Messerli schliesslich zusammen mit zwei Kolleginnen vom Kinderspital Zürich für jeweils zwei Tage nach Lwiw, um ihre Kolleg:innen persönlich kennenzulernen. In der Ergotherapie-Gruppe gestalteten zunächst zwei ukrainische Dozentinnen den Unterricht mit Fallbeispielen und Videos. Dann übernahmen Beate Krieger und ihre Kollegin aus dem Kinderspital Zürich. Sie liessen die Dozenti:nnen in die Rolle von Studierenden schlüpfen, damit sie selbst partizipative und interaktive Lehrmethoden erleben konnten. «Das war völlig neu für sie», sagt Krieger. Die ukrainischen Hochschulen seien bisher stark auf Frontalunterricht ausgerichtet gewesen. Für Beate Krieger ist es wichtiger, dass angehende Ergotherapeut:innen lernen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, statt nur Fakten zu lernen.
Heilendes Malen
Die Kollegin vom Kinderspital Zürich informierte über Traumata bei Kindern. Nach dem Vortrag hätten viele der Teilnehmenden Tränen in den Augen gehabt, erzählt Beate Krieger. «Im Anschluss malten wir mit den Dozentinnen. Dabei passierte etwas Ähnliches wie mit belasteten Kindern: Plötzlich lachten sie wieder.» Freies Malen ist eine Methode der Ergotherapie, um belasteten Menschen zu helfen, Selbstwirksamkeit zu erfahren.
Die Physiotherapie-Gruppe tauschte sich ebenfalls über didaktische Ansätze aus. Zudem entwickelten die Physiotherapeut:innen aus der Schweiz und der Ukraine gemeinsam Trainingsprogramme und Behandlungsstrategien für die Rehabilitation von Kindern. Die Gruppe besuchte in Lwiw zwei Rehazentren, wo die Teilnehmenden mit jungen Patienten üben konnten.
Beate Krieger
Dozentin am ZHAW-Institut für Ergotherapie
«Die ukrainischen Dozentinnen sind sich Frontalunterricht gewohnt. Neuere partizipative und interaktive Lehrmethoden waren völlig neu für sie.»
Folgeprojekte in Arbeit
Die ukrainischen Dozent:innen arbeiteten bei dem gesamten Projekt engagiert mit. Laut Krieger und Messerli sagten sie am Schluss, dass ihnen die praxisnahen Inhalte dienten und sie vieles davon in ihrem Berufsalltag anwenden wollten. Sie betonten zudem, dass sie sich während des Projektes als Fachpersonen ernst genommen gefühlt hätten.
Auch die WHO bewertete das Projekt als erfolgreich. Inzwischen laufen bereits Folgeprojekte, teils mit neuen Partnerorganisationen. Das ZHAW-Institut für Ergotherapie wurde erneut angefragt. Beate Krieger hilft dabei, einen Lehrplan für die pädiatrische Ergotherapie an ukrainischen Hochschulen zu entwickeln. In einem weiteren Projekt geht es darum, den Kolleg:innen zu zeigen, welchen Beitrag die Ergotherapie leisten kann, um Menschen nach einer Verletzung oder Krankheit wieder ins Arbeitsleben zu integrieren.
Mittel gegen die Hilflosigkeit
Beate Krieger zieht ebenfalls eine positive Bilanz. «Obwohl das Projekt klein war, konnten wir viel erreichen», sagt sie. «Wir haben Lehrpersonen ausgebildet, die ihr neues Wissen nun an künftige Ergo- und Physiotherapeut:innen weitergeben.» Ihr persönlich habe das Projekt geholfen, sich in Bezug auf den Ukraine-Krieg weniger hilflos zu fühlen. «Handeln tut gut.» Auch Florence Messerli betont den gegenseitigen Nutzen des Austauschs: «In diesem Projekt haben wir unsere ukrainischen Kolleg:innen unterstützt. Doch schon bald könnte ihr Wissen über Rehabilitation für uns sehr wertvoll werden.»