Zum Inhalt

Autorin: Tamara Ritter

Die Stadt als Reallabor: Winterthur setzt auf Ideen aus der Gesellschaft

Wie wäre es, wenn Trolleybusse in der ganzen Stadt Daten zur aktuellen Luftqualität sammelten? Oder wenn alle Bewohnenden auch mitten in der Stadt aus ihren Fenstern mindestens drei Bäume sähen? Wenn man ein Tool einfach fragen könnte, wo in der Stadt der nächste Brunnen ist? Mitunter werden diese Ideen in Winterthur nun gefördert – vom Innovationsprogramm WinLab.

Sustainable Development Goals

9 Industrie, Innovation und Infrastruktur 11 Nachhaltige Städte und gemeinden 17 Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

Das Konzept von WinLab ist im Grunde simpel: Unternehmen, Non-Profit-Organisationen, Interessengruppen oder Vereine reichen ihre Ideen ein, wie sie die Stadt Winterthur verbessern könnten, und eine Jury schlägt dem Stadtrat vor, welche Projekte finanziell und fachlich gefördert werden könnten. Der Aufwand und die Struktur dahinter sind professionalisiert und basieren auf aktueller Forschung. So ist das WinLab Teil verschiedener europäischer Initiativen und seit Kurzem Mitglied des European Network of Living Labs (ENoLL).

Überwältigender Rücklauf

Bereits beim ersten Aufruf im Herbst 2025 wurden mehr als 20 Projektideen eingereicht. Überwältigend sei das gewesen, sagt Marisa Kappeler-Schudel, die den Bereich Smart City und Nachhaltigkeit im Amt für Stadtentwicklung der Stadt Winterthur verantwortet sowie das Smart-City-Programm und somit das WinLab leitet. Sie erinnert sich: „Wir hatten das WinLab noch gar nicht stark beworben und doch sind gleich viele spannende Initiativen dem Aufruf gefolgt.“ Nach einer ersten Grobselektion durften die besten Projektteams ihre Ideen in Person pitchen. Die Jury, die aus Mitgliedern der Partnerorganisationen besteht, entschied, welche Projekte dem Winterthurer Stadtrat zur Förderung vorgeschlagen werden sollten.

Drei Projekte haben nun im Frühling 2026 vom Stadtrat grünes Licht erhalten: Die Luftschadstoff-Messgeräte auf den Trolleybussen, der 3-30-300-Ansatz und das Projekt GeoGPT.

Projekte, die 2026 erstmals von WinLab gefördert werden

Vicente Carabias-Hütter steht vor einer Präsentationsleinwand und spricht gestikulierend zum Publikum, im Vordergrund sitzen Zuhörende.
Vicente Carabias-Hütter stellt an der ZHAW das Projekt und die Ideeneingabe vor.
Lucia Burtscher steht vor einer Leinwand mit dem Titel «Mobilitätsprojekt der Stadt Winterthur – 31 Tage ohne Auto» und hält ein Heft hoch, während zahlreiche Zuhörende im Publikum die Hand heben.
Lucia Burtscher stellt das im Rahmen von WinLab geförderte Projekt «31Days» an einer Veranstaltung an der ZHAW vor.
Christine Ziegler spricht im Profil vor einer Leinwand und gestikuliert mit erhobener Hand.
Christine Ziegler, damalige Leiterin der Fachstelle Klima bei der Stadt Winterthur, an einer Veranstaltung an der ZHAW.
Anton Sentic steht vor einer grossen Illustration mit dem WinLab-Logo und dem Text
Anton Sentic teilt seine fundierten Erfahrungen mit der Umsetzung von Reallaboren an einem Event an der ZHAW.

Am Puls des Geschehens

Das Ziel des WinLab ist klar: Städtische Herausforderungen nicht in Einzelgesprächen zwischen Verwaltung und Wirtschaft zu lösen, sondern die Stadtverwaltung, Hochschule, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an den gleichen Tisch zu bringen. Innerhalb der Stadtverwaltung komme das WinLab bis jetzt sehr gut an und findet breite Unterstützung, versichert Marisa Kappeler-Schudel. 

„Eine lebenswerte Stadt entsteht nicht allein durch ein politisches Gremium, das alles alleine entscheidet“, betont sie. „Es sind die Bevölkerung und die lokalen Institutionen, die die Stadtentwicklung mitgestalten.“ Schliesslich seien sie am Puls des Geschehens, sehen im Alltag, welche Dinge man anpacken könnte und wo die Stadt am effektivsten mehr Lebensqualität für die Bevölkerung schaffen könnte. 

Während das WinLab Co-Creation Lab für Institutionen ausgelegt ist, existiert parallel das WinLab Citizen Lab für Privatpersonen. Alle Bewohnerinnen und Bewohner aus Winterthur können dort ihre Ideen für ihre Quartiere, ihre Stadt einreichen: Feuerstellen, Ideen für Spielplätze oder Badebrunnen wurden durch das WinLab Citizen Lab dank “Dein Quartierprojekt” bereits umgesetzt. 

Wissenschaftliche Sparring-Partnerin

Doch was ist nun beim WinLab die Rolle der ZHAW? Vicente Carabias-Hütter, Prof. ZHAW und WinLab Manager an der Schnittstelle zwischen Stadtverwaltung und ZHAW, ordnet ein: Bereits vor fünf Jahren habe die Forschung aufgezeigt, dass sogenannte Living Labs – also Reallabore, bei denen die Zivilbevölkerung einer Stadt, die lokale Wirtschaft und Hochschulen in die Stadtentwicklung miteinbezogen werden – gut funktionieren und beständigere sowie nachhaltigere Projekte hervorbringen. Da die Stadt Winterthur die erste Stadt in der Schweiz mit einer Smart-City-Strategie war und die ZHAW unter anderem in Winterthur zu Hause ist, habe es relativ schnell gefunkt: Die gemeinsame Idee des WinLab entstand. 

Heute arbeitet rund ein Dutzend Angestellte der ZHAW beim WinLab mit. „Wir sind für die Innovationsförderung zuständig, erstellen Konzepte, unterstützen die Projektteams fachlich bei ihren Anliegen und binden natürlich, wenn immer möglich, Studierende ein“, sagt Carabias-Hütter. 

Weiter erklärt sein Kollege, Anton Sentic, Dozent an der ZHAW und stellvertretender WinLab Manager: Das Win.Lab ist Teil des European Network of Living Labs (ENoLL). Um als Living Lab in diesem globalen Netzwerk aufgenommen zu werden, muss es einen aufwändigen Zertifizierungsprozess durchlaufen, der von drei unabhängigen Expert:innen bewertet wird. Die ZHAW nahm sich dieser Aufgabe an und erstellte die rund 80-seitige Dokumentation, die dafür nötig war. „Wir sind sehr stolz darauf, dass das WinLab im Zertifizierungsprozess auch im internationalen Vergleich sehr gut abgeschnitten hat“, sagt Anton Sentic. Dies beweise, dass die Organisation globalen Standards entspreche und reif für die weitere Institutionalisierung sei. 

Private Finanzierung und stärkerer Einbezug der Wirtschaft nötig

Und dennoch: Herausforderungen bleiben bestehen. So wünschen sich die Programmleitenden einerseits eine breitere Finanzierung, andererseits aber vor allem den noch stärkeren Einbezug der lokalen Wirtschaft. „Die enge Verknüpfung, die wir mit der ZHAW haben, ist enorm wertvoll“, sagt Marisa Kappeler-Schudel, und fügt an: „Wenn wir in Zukunft die lokale Wirtschaft noch enger involvieren könnten, hätte dies grosses Potenzial.“ Sie spinnt gleich Ideen und stellt sich vor, wie Unternehmen ihre Herausforderungen einbringen, Akteure beim WinLab ihre Ideen dazu einreichen und so das Problem gemeinsam angegangen werden kann. Auch sogenannte Hackathons, bei denen Studierende Herausforderungen der Unternehmen und der nachhaltigen Stadtentwicklung angehen, kann sie sich vorstellen. Das langfristige Ziel müsse es sein, dass die Stadt Winterthur sowie die ZHAW Dreh- und Angelpunkt bleiben und eine Vermittlerposition übernehmen. Denn wie bereits eingangs erwähnt: Das WinLab soll kein Alleingang sein, sondern ein Akt der Co-Kreation für eine lebenswerte Stadt. 

Rektorat School of Engineering School of Management and Law Winterthur

Weitere Inhalte